heterA ECHO

Eine feministische Recherche
zwischen Performance und Musiktheater

Dokumentation Arbeitsstipendium Performance 2025

Das Stipendium ermöglichte mir, eine künstlerische Praxis weiter zu entwickeln und zu befragen, die meine Arbeit in den letzten Jahren geprägt hat: Interviews als Ausgangspunkt und Material für performative und musikalische Arbeiten zu nutzen. Meine Performances sind Übersetzungen von der One-to-one Situation persönlich geführter Interview-Gespräche in die One-to-many Situation des Theaters.

Zwischen Januar und Juni 2025 habe ich rund fünfzehn Gespräche mit Frauen* geführt, die mit dem Begriff der Hetera etwas anfangen können oder wollen. Heterasexualität ist ein Begriff, den es eigentlich nicht gibt: er benennt Frauen*, die Männer begehren, sich aber der patriarchalen Deutung und Bewertung ihrer Körper und Bedürfnisse entziehen. Heteras stellen stattdessen die weibliche* Lust ins Zentrum. Heterosexualität ist Mehrheitsgesellschaft. Heterasexualität ist hingegen ohne Raum. Ich behaupte, sie ist selten abgebildet oder beschrieben. Sie ist etwas, worum gerungen wird. In den Interview-Gesprächen ging es um Begehren, Intimität und sexuelle Selbstbestimmung. Ein poetischer Bezugspunkt war dabei der Echo-Mythos, der für mich als Resonanzraum für Fragen nach (eigener) Stimme und eigenem Begehren (statt Begehrt-werden) diente.

Sprachrhythmen, Pausen, Versprecher und klangliche Qualitäten der Interview-Stimmen sind für mich ebenso von Bedeutung wie das, was gesagt wird. In diesem Blog habe ich musikalische Skizzen, Performance-Ideen, Material-Recherchen und Textfragmente aus dem Arbeitsprozess gesammelt. Das Echo-Motiv legte Stein und Stimme als Material nahe.

Ich habe auch damit experimentiert, wie Performances ein Echo auf Interview-Gespräche sein können, wenn die Interview-Texte verbal gar nicht Teil der Aufführung sind. Die persönliche Begegnung und das Interview-Gespräch ist eine Methode, sich an Themen anzunähern. Die Gespräche erzeugen in mir einen vielstimmigen Resonanzraum, von dem die Stückentwicklung ausgeht.

Ganz unten im Blog finden sich Interview-Fragmente aus der Recherche. Einige waren Ausgangsmaterial der hier gesammelten Skizzen. Die Schreibweise der Texte ist vom Hören der gesprochenen Sprache inspiriert mit all ihren Fehlern, ihrem Zögern und Nicht-Weiter-Wissen, ihrem Stolpern und ihren Wiederholungen.

Gefördert von der Stadt Wien Kultur (Arbeitsstipendium Performance für das Jahr 2025)
Seestadt Studios Wien

Material-Recherche STIMME/STEINE 1 (video)

UNTITLED (video)

KIESLASTER 1 (video)

KIESLASTER 2 (video)

Material-Recherche KIES (video)

Material-Recherche STEINE SOUND /cunt get no (video)

Musikalische Skizze STIMME/STEINE (audio)

KIESLASTER 3 (video)

WOLKENSCHÜTTELMANN (video)

Nervöse Material-Recherche PERLEN (video)

Foto-Dokumentation Showings Dezember 2025 und Februar 2026

Steinbruch: Interview-Exzerpte

AB ABTÖRN

So-ich-find-also-es-gibt-einfach-nichts
ABTÖRN TÖRNEN ABTÖRNENDERES als Haushalt
Es gibt einfach nichts
Also für mich
Oder-vielleicht-noch-hinter-jemand-herzuräumen
Also es gibt nichts AB AB TÖR TÖRNENDERES als Haushalt
Das is das is so der größte
AB ABTÖRN des Lebens

Ich-weiss-nich-ich-find-das-halt-irgendwie-schwierig-mich-sexy-zu-fühlen-wenn-ich-die-ganze-Zeit-irgendwie-dreckige-Wäsche
Und putze Wäsche Wäsche wasche und so
Irgendwie die Spülmaschine
Auszuräumen
Und-dann-eben-mal-diesen-Switch-machen
Das find´ ich irgendwie
Also es gibt nichts ABTÖRN TÖRNEN TÖRNENDERES als Haushalt
Das is das is so der größte
AB AB ABTÖRN des Lebens

Ich-weiss-nich-ich-find-das-halt-irgendwie-schwierig-mich-sexy-zu-fühlen-wenn-ich-sowas mache-wie-Kindersocken
Einräumen
Boden putzen Teller
Wasch Waschmaschine auszuräumen
Und-dann-irgendwie-diesen-Switch
Zu ah-jetzt-bin-ich-im-Bett-und-irgendwie-so-´ne-Frau-des-Begehrens
Wobei-das-bei-uns-ja-tatsächlich-auch-so-ne-relative-Luxussituation-ist-dass-wir-uns-beide-um-die Kinder-um-alles-kümmern
Aber ich mein´ das das
Auch das jetzt zu sagen
Es gibt auch nichts ABTÖRNENDERES als davon zu reden
Seit Generationen
Es gibt nichts ABTÖRNENDERES als zu reden zu streiten über Haushalt

Also es gibt nichts ABTÖRN TÖRNEN TÖRNENDERES als Haushalt
Das is das is so der größte
AB AB AB ABTÖRN des Lebens
Das fühlt sich so klein
So Hausfrauensorgen an
Ich bin aber gar keine Hausfrau
Und ich bin auch nicht gar keine Hausfrau
Das-muss-ja-alles-gemacht-werden-das-hört-ja-alles-nie-auf
Der ABTÖRN ist groß und massiv
Alles-was-ich-drüber-sagen-kann-klingt-schief
Klein-und-banal
So dass ich gar nichts sagen will
Das ist viel zu zu real
Wäsche Waschen Windeln Müll

Es gibt auch nichts Wirklicheres
Als den Abtörn

Fällt mir schwer
Dass auch überhaupt auch nur vor Dir auszusprechen
Wirklich
Da kannst Du auch gar keine Lyrics machen da draus
Es gibt echt keine ABTÖRN TÖRNEN ABTÖRNENDEREN Lyrics
Für einen Song
Das is so boring

Und überhaupt das Zu Hause das Wohnen
Das is ja auch irgendwie Arbeit
Das Wohnen find ich auch nich´
Dieses gemeinsam Wohnen
Ist nicht sexy für mich
Weil-irgendwie-so-dieses-Begehren-halt-total-viel
Braucht-halt-total-viel-Zeit-haben-Raum-haben-was-für-mich-haben
Mich spüren in meinem Körper mich spüren
Also-eigentlich-muss-ich-selber-erstmal-in-´ner-guten-Verfassung sein
Und-wenn-ich-dann-den-ganzen-Tag-schon-gestillt-habe-und-den-ganzen-Tag-schon-angefasst-wurde-mein-Glas-an-körperlicher-Nähe-ist-gefüllt-und-mein-Glas-an-Zeit-für-mich-is-komplett-leer
Wo hol ich da Begehren her

Weisst-du-oh-Gott-ich-hab-den-einfach-gefühlt-seit-Wochen
Seit Wochen nicht mehr außerhalb von diesem Kindkontext gesehen
Ich seh´ den ja auch nur noch als Vater und als irgendwie
Und der is´ die ganze Zeit so nah dran
Wenn jemand die ganze Zeit so nah dran is was is das denn dann
Eine Art von Intimität und Nähe die enorm is oder sich auch umarmen
Aber halt Sex Begierde
Das hat doch gar keinen Platz zu entstehen

Wirklich es gibt nichts ABTÖRN TÖRNEN ABTÖRNENDERES
Das hier ist der blödeste, lahmste, most boring Song
Der Abtörn des Lebens wirklich
Das-wurde-auch-alles-schon
So oft gesagt
Viel zu lange Rede
Das will auch keiner wissen
Das-is-auch-alles-so
Banal
Tausendfach schon
Tausend

Wiederholungen
Echo Echo Echo Echo

Es gibt nichts
ABTÖRN TÖRNEN ABTÖRNENDERES als Haushalt

Das is das is so der größte

AB AB ABTÖRN des Lebens

40 ANFANG 40

Und dann
Dann dann
Stand ich da
Mit dieser riesenhaften Libido und diesem Schmerz
Damals war ich 40 Anfang 40
Es ist nicht von der Hand zu schmeißen
Meine Ehe war
In den letzten Jahren
Eher Krise
Als irgendwie Lust
Ich kam da raus
Mit 40 Anfang 40
Und dann
Dann dann
Stand ich da

Plötzlich Zweite Pubertät
Meine Libido ist Kreise um mich
Kreise wirklich
Kreise rum um mich
Es war
Heftig
Wirklich
Kreise um mich rum
Gedreht
Wie zweite Pubertät

Und dann
Dann dann
Stand ich da
Keine Ahnung von gar nichts
Sexpositive Räume
Haben mich eher getriggert
Und Dating
Typen haben mich
Also unfassbar schlecht behandelt
Oder so und
Mir es war
Mir war es
Auch oft einfach egal

Jedenfalls das Gegenteil
Von einem Safespace
Einfach kein Space
Für das was ich damals
Gebraucht hätte
Um mir nicht die ganze Zeit
´ne blutige Nase
In dem Spiel
Das war
Das war ich fand
Die Fläche war
Nich eben in dem
Die Spielfläche war nich
Alles war
Das war alles
Ganz schön gezinkt

Und dann
Dann dann
Stand ich da
Mit dieser riesenhaften Libido und diesem Schmerz
Und bin dann losgegangen

ABWESENHEIT

Ich find ja die Abwesenheit


Also die Abwesenheit

Von

Von Libido
Hat durchaus
Dass die dazugehört
Zur Libido

Ich finde das gar nicht

Ich finde das gar nicht so das große Andere
Sondern eigentlich ein Teil davon

BITTERE FRAGE

Und da gibt’s ja vielleicht auch so
So ein bisschen bitter
Bittere Frage so
Das Begehren ist wie es ist
Aber wenn ich´s mir aussuchen könnte
Würd` ich`s mir wirklich aussuchen
Mit ´nem Mann zusammen zu sein?

BRANDUNG

Wenn du jetzt
Diesen diesen Menschen da
Diesen diesen diesen Körper
Vor Dir siehst
Angezogen oder nackt
Was möchtest du
Gerne machen damit
Wozu hast du Lust
Was was löst das
Oder was soll dieser
Was soll er mit Dir machen

Dann ist tatsächlich
Großes Fragezeichen
Große Leere

Und dann so ein Realisieren
Dass dass dieser Bereich nie ähm
Belebt worden ist
Da ist ein Muskel
Der ist nie trainiert worden

Ich hab dann auch
So ein Gefühl gehabt
Als ich jünger gewesen bin
Also ich fühlte mich
Wie so ´ne Küste
An die die ganze Zeit
Die Brandung schlägt
Von männlichem Begehren

Und ich
Kam gar nicht dazu
Mir diese Frage zu stellen
Ich war nur
Mit dem beschäftigt
Was mach´ ich damit
Was mach´ ich damit
Was an mich ran
Ran getragen wird

Was was macht das mit mir
Was davon will ich
Und was will ich nicht
Und wie kann ich das irgendwie
Wie kann ich da
Möglichst unbeschadet

Also wie kann ich auch da nein sagen
Ohne gleich ´ne riesen Welle

Also schon auch schmeichelhaft
Aber auch was
Was mich
In die Defensive

Das hat eigentlich verhindert
Eher verhindert
Dass ich mein eigenes Begehren
Entwickelt habe

Weil´s nicht geübt ist
Nach etwas zu fragen
Auf etwas zuzugehen
Was ich gerne
Ist ein großes Risiko natürlich

Ich würde auch sagen
Weiblich sozialisierte Menschen sind
Glaub´ ich
Nicht gerade gewohnt
Mit so ´ner Haltung
Durchs Leben zu gehen
Das ist hier ´n großer Bazar
Ich kann mir aussuchen
Was ich gerne haben möchte
Oder irgendwie so
Also es ist eher andersrum

Aber jedenfalls ich habe Lust
Zumindest zu spielen
Mit der Idee

DER PUNKT

Es ist halt spannenderweise so
Dass manchmal
Der Punkt
Wo es nicht mehr geht
Dass der der Punkt ist
Wo sich Sex in guten Sex
Wo sich was zum Guten
Zum Guten eben
Wo sich Sex verändert

Beispiel da wird ein Mann älter
Bekommt Erektionsprobleme
Und ist total im Drama
Und seine Frau sagt
Endlich jetzt
Geht die Tür auf
Und wir können irgendwie reden
Und Neues probieren
Als das was ich
Eh nie so besonders toll fand

Oder Operationen
So ein Eingriff
Ist natürlich
Erstmal nix Tolles
Aber es kann was Gutes draus werden
Ich bin ein Stück weit auch gezwungen
Entweder ich geh über meine Grenzen drüber
Und ertrage sogar Schmerzen
Und es ist einfach nur noch schrecklich
Oder ich fange an zu sagen
Was ich möchte
Also ich fange an
Für mich einzustehen
Und nicht zu versuchen
Irgendwas durchzuziehen
Was angeblich richtig ist
Und so gemacht wird
Also das ist tatsächlich
Oftmals der Punkt
Wo durch Krisen
Das besser wird

Es durchbricht dieses Klischee
Durch die Magie der Liebe
Oder der Anziehung
Automatisch zu wissen
Was die andere Person möchte
Wenn der Richtige kommt
Wenn man sich liebt
Dann geht es von alleine
Das ist Quatsch das stimmt nicht

Die Menschen wissen total wenig über Sex
Über die körperlichen Vorgänge auch
Dieses Grundverständnis
Dass Sex was Gelerntes ist
Dass das was ist
Was uns nicht
So mitgegeben wird bei der Geburt
So eingepflanzt
Sondern
Das ist ein Lernprozess ein lebenslanger
Und die Sachen die funktionieren
Funktionieren deswegen
Weil wir sie oft wiederholt haben

Diese starke Anziehung
Der starke Sexdrive
Den Viele haben zu Beginn
Wenn sie verliebt sind
Das ist ein hormoneller Ausnahmezustand
Der beinah´ pathologisch ist
Und der zum Glück auch nicht lange anhält
Der ist abgefeuert irgendwann
Wie ein Feuerwerk aufgebraucht is
Und dann geht’s dadrum
Ob man gemeinsam was findet
Was beiden gefällt
Das ist ein Punkt
Den viele Hetero-Paare nicht erreichen

Oder rauszögern
Und immer irgendwie
Traurig sind
Dass es nicht so ist
Wie am Anfang oder wie früher

Sich zu verabschieden
Von diesen Annahmen
Dass Lust und Begehren über einen kommen
Dass Sex immer spontan sein muss
Dass Konsens und drüber reden
Irgendwie unsexy ist
Und die ganze Spannung wegmacht
Das sind so Geschichten
Das sind so Bilder so Annahmen
Die oft die Menschen davon abhalten
Guten Sex zu haben

DIESE GRÜNDE

diese Gründe
die wir eben auch haben
nicht zu sagen
was wir wollen
uns zurückzuhalten
oder wenn ich eigentlich gar nicht weiß
was ich möchte
oder vielleicht habe ich schon eine Idee
aber ich würde lieber sterben
als es zu sagen

ECHO

Also wenn Du wie Echo nur wiederholst was schon gesagt wurde
Wenn Du wie Echo nur wiederholst
Nochmal und nochmal und nochmal
Dann wird ja behauptet
Du sagst gar nichts

Wenn Du wie Echo nur wiederholst was schon gesagt wurde
Wird behauptet Du sagst nichts Wichtiges
Weil du ja nur wiederholst
Oft werden Dinge aber wiederholt weil sie wichtig sind
Oft werden Dinge wiederholt weil sie wichtig sind und weil sie nicht gehört wurden

Dann wird aber behauptet, sie wurden nicht gesagt
Dann wird behauptet, sie wurden vielleicht gesagt
Aber nicht so, dass sie verständlich waren
Dann wird behauptet
Sie wurden gesagt
Aber sie wurden vielleicht nicht richtig gesagt
Zu lärmend zu fordernd zu nervig zu laut

Zu emotional nicht sachlich was weiss ich nicht sexy nicht schlau
Oder der Ton hat nicht gestimmt
Das heisst Stonewalling Prinzip oder?
Alles was Du sagst prallt an eine Mauer aus Stein

ECHO ECHO

Trocknet der Körper so ein und versteinert

So annorektisch

So anorektisch irgendwie sie

Trocknet der Körper so ein

Sie magert so ab so sie äh versteinert

Sie kann nicht mehr essen kann nicht mehr trinken sie

Trocknet der Körper so ein

Magert so ab irgendwie sie

Begehrt Narziss

Und sie kann von diesem Begehren ja nicht sprechen

Sie kann keine eigenen Angebote machen

Der Echomythos

Selbst wenn sie wollte

Sie hat keine Stimme irgendwie

Ööh ääh wie ist denn das

Sie is äh

´ne Nymphe? Oder??

Also was ich an der Figur spannend finde ist

Dass die ja offensichtlich

´n wahnsinnig starkes Begehren hat

So stark

Dass es sie umbringt am Ende

Keine Stimme irgendwie ´ne?

Das kommt aus der griechischen Mythologie oder?

Also dann wie so´n Echo immer so Sachen wiederholt

Und durfte dann

Irgendwie hat sie zu viel geredet ´ne?

Sie hat doch zu viel geredet

Und dann wurde sie bestraft

Wiederhol´n was er sagt

Oder Teile wiederhol´n was er sagt

EIN HETERA CLUB

Ausschnitt aus meinem Interview mit Sibylle Peters März 2025)

(Sibylle Peters hat 2020 im Hamburger Rotlichtviertel St. Pauli einen feministischen Nachtclub eröffnet. Das Queens war ein temporärer Heteraclub – ein Raum für Frauen, die Männer begehren. Gemeinsam mit Performancekünstler*innen und Sexpert*innen aus London und Hamburg entwickelte Sibylle als Pimp des Clubs eine neue intime Praxis zwischen Kunst und Sexwork, Begegnung und Care. Sieben männliche Performer boten in sieben Separés intime One-on-One-Performances an, in denen jeweils ein Performer und eine Besucher*in einander begegnen und berühren.)

Hetera ist ja bloß ein Begriff, weil ich nicht „weibliche Heterosexuelle“ immer sagen wollte und auch das Unsinn fand. Weil ich finde, wir haben eine ganz andere Sexualität als die Heterosexuellen, wirklich ganz anders. Und deshalb sollte es auch ein eigenes Wort dafür geben. Hetera kommt aus der Frauenbewegung, den Begriff kenne ich aus dem Studium, aus den Frauengruppen am Phil-Turm in den 90er Jahren. Es gab ja damals die Forderung: Also wenn du Feministin sein willst, musst du lesbisch sein. Oder lesbisch werden. Es gab Frauen, die aus politischen Gründen lesbisch geliebt haben. Die Heteras, also ich und meine Mit-Heteras, wurden von den Nicht-Heteras, also den Lesben, so bezeichnet. Und das hatte immer so ein kleines bisschen auch was Abwertendes, weil wir eben eigentlich politisch nicht verlässlich waren, das hieß es eigentlich. Hetera zu sein, hieß, nicht verlässlich sein, weil wir mit dem Feind ins Bett gehen und deshalb den Safe-Space bedrohen. Das war ein Ausgangspunkt für den Heteraclub: Wie macht man einen Safe-Space für Leute, die mit dem Feind ins Bett gehen? Also klar kann ich Feministin sein und Männer begehren. Das wäre ja noch schöner.

Es ist wichtig, dass Heteras einen Ort haben, wo sie sich austauschen können. Und es geht dabei um sie. Also eben nicht, was ja unter Freundinnen üblich ist, dass wir immer dann viel über die Männer reden und wie die sich verhalten und warum die das tun oder das. Im Heteraclub ging es wirklich um Frauen, die sich über ihre eigene Sexualität ausgetauscht haben. Nicht über ihre Männer.

Ich habe viel daraus gelernt, im Club Pimp zu sein. Ich bin da als Regisseurin angetreten. Obwohl ich ja meistens sehr kollektiv arbeite oder irgendwie in Gruppen, habe ich mit dem Projekt Heteraclub zum ersten Mal unter meinem eigenen Künstlernamen gearbeitet. Also ich hatte die Macht als Regisseurin zu sagen, was passieren soll und wie es passieren soll.

Und das hat sich dann nochmal gedreht dadurch, dass ich in diese Pimp-Rolle gegangen bin. Das war mein Schritt: okay, um das hier zu inszenieren und eben Pimp zu werden, muss ich darauf hören, was ich selber aufregend finde, was ich geil finde, was ich attraktiv finde. Und das ist letztlich – neben vielen anderen Erwägungen und dem Gruppenprozess und allem – aber das ist letztlich die Richtschnur.

Dabei habe ich auch gemerkt, wie unglaublich schambehaftet das war und ungeübt. Obwohl ich in anderen künstlerischen Prozessen auch immer aus mir selbst schöpfe und aus meinen Wünschen.
Aber dass du sozusagen, dass du damit arbeiten sollst, dass du damit arbeiten sollst, mit diesem: „Könntest du jetzt noch mal so ein bisschen, könntest du jetzt mal direkt nur zu mir singen und könntest du jetzt mal noch näher ran kommen…“ und sozusagen dem Ausdruck zu verleihen, was man sonst nur so für sich denkt und was mit weiblichem Begehren zu tun hat und damit zu führen. Das ist ein richtig großer Schritt, aber dann auch ein toller Schritt.

Wie heißt noch der ewige Intendant der Volksbühne damals? Ja der der hat ja mal gesagt: „Frauen sind einfach keine so guten Regisseure – they don’t have the guts“ so ungefähr und das hat mich damals wahnsinnig provoziert. Und da hatte ich so das Gefühl: okay dann arbeite ich jetzt mal mit den Guts, wie geht das eigentlich. Und dabei stellst du dann fest, wie wenig wir trainiert werden und wie uns das abtrainiert wird mit dem Begehren zu arbeiten. Das ist ja auch, was Audrey Lorde sagt, dass uns dann was fehlt: the erotic as power. Also darauf zuzugreifen. Natürlich ist das uns irgendwie gegeben im Sinne der femme fatale. Aber eben nicht in der Position der Macht: zu sagen, was zu passieren hat. Also über die Selbstinszenierung, um erotisch zu wirken oder sich vielleicht auch erotisch zu fühlen, hinaus gehen. Die anderen zu inszenieren und dabei dem folgen, was ich selber aufregend finde.

Die Beziehung, die dadurch zu den Performern entstanden ist, war am Anfang ganz krass. Wenn du diejenige bist, die sagt whats hot und whats not. Wenn du acht Typen hast, die versuchen, dir irgendwie jeden Wunsch von den Augen abzulesen, die dich nach Hause verfolgen, die dich die ganze Zeit anrufen, die alle sozusagen anbieten, mit dir jetzt eine Affäre anzufangen, die über den Probenraum hinausgeht. Da wird dir klar, wie es die richtigen Pimps machen. Die nehmen das natürlich alles an, all diese Sachen, all diese Angebote und reden dann immer mit den Einzelnen über alle anderen: also du musst mir dabei helfen, weil ich hab ein Problem mit der… Das war so at my fingertips. Pimp, so dachte ich, das ist ein Bild was ich vom Rotlicht irgendwie abgucke. Aber es kommt auch eins zu eins aus Theaterregie, aus männlicher Theaterregie. Ich haben erlebt, dass Staatstheaterregisseure genauso vorgehen, also oft jedenfalls. Dass sie zum Beispiel Einzelgespräche über alle anderen führen im Probenprozess.

Also es war knapp, aber ich habe herausgefunden, dass ich das nicht machen möchte. Und ich habe das alles in den Probenraum zurückgeworfen. Dadurch ist das eine irre Gruppe geworden, eine ganz tolle Gruppe. Ist es ja immer noch. Wir arbeiten seit 2020 jedes Jahr einen Monat zusammen.

Das Schwierigste war für mich als Pimp, das Vertrauen zu diesen Performern aufzubauen. Ich war verantwortlich für das, was passiert, während ich gar nicht im Raum bin. Es ging ja um One on One Performances, die passieren am Ende ohne mich. Das ist das Format. Also erstens: Wie probst du das überhaupt? Und zweitens: Was muss eigentlich passieren in so einem Probenprozess, damit ich mich sicher fühle, die Frauen dann da reinzuschicken. Ich habe eine Me Too – Perspektive auch da eingebracht.

Er sind ja wahnsinnig viele Frauen Me Too. Also wie kann das aussehen, damit der Safe Space für uns funktioniert. Insofern waren meine Ansprüche vergleichsweise hoch. Sehr hoch. Daraus hat sich auch entwickelt, dass ich eben wollte, dass alle ihre Karten auf den Tisch legen. Deshalb habe ich eine sehr offene Runde etabliert, mit der es immer beginnt und wo wir uns alle erzählen, wie geht es uns und was hat das mit dem Heteraclub zu tun. Und natürlich haben wir die sexuellen Biografien aller Beteiligten durchgearbeitet. Vor allem, um sicher zu gehen, dass da nicht irgendwas im Busch ist, was an der falschen Stelle erscheinen könnte. Das war sehr intensiv.

Ich hatte schon manchmal das Gefühl, vielleicht habe ich mich da übernommen. Aber am Schwierigsten war der Start. Der erste Moment, in dem ich das Projekt öffentlich machen musste, um Performer zu finden, also für das Casting. In dem Moment hatte ich Schiss. Das hat sich angefühlt, als müsste ich nackt durch die Stadt laufen und schreien. Aber ich muss sagen: es ist nie irgendwas Schlimmes passiert. Es gab keinen Skandal im Sperrbezirk. Mich hat nie jemand angegriffen. Es hat auch nie jemand infrage gestellt, dass ich diese Arbeit mache aber auch Kindertheater zum Beispiel. Das war alles erstaunlich. Wir hatten natürlich auch viele Boulevardmedien. Noch immer, das ist übrigens total verrückt, ich werde immer noch manchmal angerufen, um mich als einzige Betreiberin eines Bordells für Frauen in Deutschlands zu interviewen. Für Frauen gibt es nämlich eigentlich immer noch keins. Jedenfalls nicht öffentlich. Die haben es nie geschafft, das Projekt als Kunstprojekt darzustellen, dass es ja war, also immer reißerisch in irgendeiner Form berichtet. Aber es ist eben nie irgendwas Schlimmes passiert.

Ich bin in meinen 20ern nach St. Pauli gezogen und habe als Studentin eine Zeit lang in einem Puff als Rezeptionistin gearbeitet. Das habe ich auch relativ schnell wieder aufgehört. Aber dort hatte ich mit einem Pimp zu tun, meinem Chef. Damals hatte ich schon das Gefühl: das kann ich besser. Und es wäre auch gut, wenn es jemand, wenn ich es machen würde. Das war der allererste Impuls damals.

Das ist so ein wahnsinniges riesiges Vakuum an der Stelle wo der Heteraclub war. Es gibt diese Orte einfach nicht.

EINSCHNITT

Mutterschaft, das ist ja auch so ein Einschnitt, also es gibt Pubertät, Wechseljahre als Einschnitt. Nicht-Mutterschaft ist vielleicht auch ein Einschnitt – vielleicht gibt es da auch einen Moment, wo du dich entschieden hast: Nee, passiert jetzt wirklich nicht. Oder ein paar Momente. Das macht bestimmt einen Unterschied. Hormonell gibt es krasse Umschwünge. So eine Geburt ist ein ziemliches Ereignis. Das verändert. Ich würde jetzt mal vermuten, dass es für die Sexualität der Frau keine schlechte Ausgangsbasis ist, nicht Mutter zu werden. Vielleicht gibt es ein paar Frauen, die das nicht unterschreiben würden. Aber ich stelle mir vor, dass man einfach mehr Zeit hat vielleicht und mehr Raum. Aber vielleicht stimmt das auch gar nicht. So ein kleines Kind haben, das setzt natürlich eine Menge so Oxytocin frei, was sich auch auswirken kann auf guten Sex. Oder es stellt die Partnerschaft vor eine extreme Herausforderung. Also ich bin so stolz drauf, dass wir das hingekriegt haben. Es ist so unwahrscheinlich auch, das zusammen hinzukriegen. Das hat einen Wert, den finde ich auch attraktiv. Also das hat eine Verbindlichkeit. Aber die hat auch was sehr Familiäres und das ist nicht immer mit Sex aufgeladen, zumal wenn man zusammen lebt, es kann gar nicht, das kann gar nicht immer burnen. Es gibt vielleicht Beziehungen, wo das so ist, keine Ahnung. Also ich glaube, das geht fast gar nicht zusammen. Da muss schon ganz schön viel unter einen Hut passen. Manchmal passt es ja drunter und dann auch wieder nicht.

ERASURE

FOR AGES DECADES CENTURIES
THE ERASURE OF KNOWLEDGE ABOUT THE ANATOMY
OF FEMALE JOY

THE ERASURE OF FEMINIST KNOWLEDGE ABOUT SEX OVER AND OVER AGAIN

THE ERASURE OF FEMINIST KNOWLEDGE ABOUT SEX OVER AND OVER AGAIN

THE ERASURE OF FEMINIST KNOWLEDGE ABOUT SEX OVER AND OVER AGAIN

AGAINST THE ERASURE OF FEMINIST KNOWLEDGE ABOUT SEX OVER AND OVER AGAIN

FAKE IT TIL YOU MAKE IT

Ich merke oft, dass die Stimmen der Frauen sich verändern. Ich habe ja früher auch Frauen Massagen gegeben. Also ich habe Frauen begleitet. Und Lust und Orgasmus teilweise auch. Und es war wirklich total spannend zu merken, wie die Stimme sich verändert. Also dass die Stimmen meistens tiefer werden. Und sich irgendwie körperlicher anhören. Also oft auch mehr schwingen. Da ist mehr Anbindung an den Körper.

Um mehr zu spüren

Auch bei der Selbstberührung

Selbstliebe

Mal so drei bis fünf

Tiefe

Atemzüge

Wie ein Blasebalg

Mit dem wird das Ganze

Deutlich größer

Eigene Atmung und eigene Stimme

Die hat Echo ja nicht

Sauerstoff ist unser Benzin sozusagen

Sauerstoff feuert den Körper an

Ohne Sauerstoff geht nichts

Erregung ist eben

Auch kein reines Echo

Erregung ist was

Was körperlich

Einen Einsatz

Braucht

Lust braucht

Luft

Sauerstoff

Ausdehnung

Also tiefere

Atmung

Mehr Raum

Einnehmen

Das

Zwerchfell

Wird dadurch

Bewegt

Was wiederum

Den Beckenboden

Und durch Stimme

Durch die Öffnung

Des Kiefers

Der Zungenboden

Ist mit dem Becken

Verbunden

Im Porno

Ist es so

Dass viele Frauen

Ab Sekunde eins

Durchgehend

Auf einem Level

Stöhnen

Das ist natürlich Fake

Ganz klar

Man kann

Teilweise aber auch hören

Dass es Unterschiede

Gibt

Es gibt ja

Unterschiedliche

Pornos

Man hört wenn es echt ist

Hört es sich anders an

Also es hat

Eine andere Stimmqualität

Es geht auch nicht um

Stöhnen

Es geht um erstmal

Diese Atemgeräusche

Zuzulassen

Den Kiefer

Ein bisschen zu öffnen

So ein lauteres Ausatmen

Für den Körper ist es halt so

Also es wirkt

Wirkt

Wirkt zurück

Es gibt diesen Spruch

Fake it till you make it

Also wenn ich jetzt

Einen tiefen

Seufzer

Dann ist es

Für meinen Körper ist es ein Signal

Ah okay wir entspannen uns

Und das wiederum führt dazu

Dass ich mich

Entspanne

Und es ist ja auch spannend zu merken

Wenn ich meine Stimme

Höre

Wenn ich anfange

Zu stöhnen

Auch wenn es vielleicht unwillkürlich passiert

Was kommen dann für Gedanken und Gefühle

Denk ich oh no und bin dann lieber still

Mach ich den Deckel lieber wieder drauf

Das ist natürlich auch so ein Punkt

Nicht nur die Lust

Sondern auch die Unlust

Zu erforschen

Oder genauso wichtig zu nehmen

Was einen hindert

Sich das anzuschauen

Da auch rein

Zu spüren

Also das zu übergehen

Würde dich eigentlich

Auch nicht weiterbringen

Weil das sind ja wichtige

Informationen

Was hält mich ab

Und dann zu gucken

Ob man das irgendwie

Umframen kann

Also ob du deine eigene Stimme

Finden kannst

Und dich wohl fühlst damit

Ob du dir das erlauben kannst

Auch so mit der Stimme

Dich auszudrücken

Ob du das auch für dich

Als so einen kraftvollen

Teil vielleicht sehen kannst

Es geht ja auch so ein bisschen

Merke ich oft

Bei Stimme

Um so einen Kontrollverlust

In diesen Lauten

Die dann entstehen

Die meisten Hindernisse sind gesellschaftlich konstruierte Hindernisse. Aber eben so reingewachsen in uns. Das ist ja das Problem. Dass sie eben nicht nur im Außen sind. Sondern in uns drinnen auch.

FILME

Natürlich sind wir als hetero- oder heterasexuelle Menschen extrem von Filmen und Darstellungen von Sex geprägt. Also in keinem Film wird irgendwie geredet. Es geht immer so: Die Anziehung ist da, das geht dann alles von allein. Magnetismus, Magnetlogik. Dann passt das gleich. Man muss sich nur genug gegenseitig anziehen. Man muss nur genug verknallt sein. Dann explodiert das wie eine Bombe. Ich weiß nicht, das hat nie funktioniert. Oder vielleicht hat es funktioniert, das nachzuspielen und hat mir gefallen, mich da drin zu finden, in diesem beneidenswerten Bild von Leidenschaft, ein bisschen als würde man Filme nachstellen und vielleicht die Selbstbestätigung bekommen, dass das so irgendwie funktioniert, dass man offenbar so wie man ist da sein darf oder überhaupt ankommt in diesem Spiel zwischen Männern und Frauen. Also aufregend, aber nicht im sexuellen Sinne erfüllend. Das funktionierte eigentlich nur, wenn man dann halt auch mal darüber spricht. Tatsächlich nicht sich auf die Körpersprache alleine verlässt, weil die kann auch ganz schön missverständlich sein.

Wenn es viel mehr Neugier gäbe. Viel mehr Mut, zu erspüren, was da ist und meinetwegen auch, was nicht da ist. Also vielleicht begegnet man dann auch mal einer Flaute. Oder merkt auch mal in einer langen Partnerschaft, irgendwie braucht es das gerade nicht. Also immer noch besser, sich das einzugestehen, als dann irgendwie krampfhaft irgendwas voreinander zu performen, weil man denkt, man müsste das jetzt irgendwie auch noch unterbringen auf der To-Do-Liste, weil es sich irgendwie so gehört. Wenn die Bandbreite, die Sexualität hat, da sein dürfte, wenn Tabu zum Beispiel immer ein Teil davon ist, oder nicht funktionieren, oder mal nichts fühlen, oder mal keine Lust haben. Wenn das auch okay wäre, das zu erforschen, ohne dass damit irgendeine Norm beschädigt ist, die wir irgendwie brauchen, um uns gegenseitig zu bestätigen, dass wir an einander interessiert sind. Dass wir etwas wert sind.

INQUISITION

Ich habe ja meine Praxis in meinem Haus drin. Also da, wo ich wohne. Wo ich auch mit meinen Kindern gewohnt habe. Da ist meine Praxis drin. Und es war wirklich ganz lange so ein Gefühl: Das darf ich nicht, das geht nicht, das darf ich nicht machen. Ich darf nicht, als Mutter darf ich nicht als Sexualtherapeutin arbeiten. Ich habe ja dann auch angefangen mit Vulva Massagen. Da gab es das Prostitutionsgesetz, worunter ich falle.
Das war ganz spannend, zu merken, wie ich mein Leben lang immer so ein Gefühl hatte: Das darf ich nicht, das geht nicht. Gleichzeitig würde ich mich als einen aufgeklärten, emanzipierten Menschen sehen. An dieser Grenze zu stehen und das so stark zu spüren: Das darf ich nicht machen.
Sobald ich es dann getan hatte, sobald ich gesagt hatte: Ich mache es aber trotzdem. Weil es ist das, was ich kann und was ich machen will. Da fühlte es sich an wie eine unfassbar dicke Mauer und die war aber gar nicht da.

Es gibt niemanden, der vor meiner Tür steht und sagt, jetzt werden Sie eingesperrt oder erschossen.
Ich habe Kolleginnen, die sagen, es gibt sowas wie die Inquisitionsschranke: Also einfach die kollektive Geschichte der Inquisition, der Hexenverbrennung. Und es ist aber nicht real. Es ist dann auch gar nichts passiert. Tatsächlich. Gar nichts.

Ich hatte mal eine Klientin, die ist Malerin, die hat so Stillleben gemalt, Landschaft. Dann haben wir angefangen, miteinander zu arbeiten und dann fing sie plötzlich an und hat nachts im Atelier gestanden, nackte Frauen gemalt, große Vulven. Plötzlich war so ein Kreativitätsschub. Es malte aus ihr heraus und sie wollte eine Ausstellung machen mit den Bildern. Das waren wirklich tolle Bilder. Sie rief mich dann an und sagt: „Ich hab´ das Gefühl, ich dreh durch, ich hab´ Albträume, ich hab´ Fantasien, Männer stehen vor meiner Tür mit einem Messer in der Hand. Todesängste hat sie gehabt. Also wirklich auch nicht real.

Aber das sind die Fantasien, die wir haben dazu. Dass irgendwas ganz Schlimmes passiert, wenn wir das tun als Frauen. Uns bei diesem Thema zu zeigen, mit Sex, mit Sexualtherapie, mit Sexarbeit. Das ist eine richtige Wand.

Ich merke es auch in meinen Workshops oder Tagesseminaren, es ist ganz oft so, ich habe lange gebraucht, um es zu verstehen, ab Mittag ist so die Luft raus, die Frauen sind so müde, es fühlt sich an, eine steinerne bleierne Schwere. Ich bin, glaube ich, eine, der man gerne zuhört. Und das ist jetzt nicht unbedingt langweilig von den Inhalten her. Was kann ich denn machen, dass die nicht so abbauen und nicht so in den Seilen hängen? Bis mir klar geworden ist: es ist das Thema. Es fühlt sich wirklich an, wie gegen den Strom zu schwimmen.

Es ist anstrengend, sich damit zu beschäftigen, darüber nachzudenken, sich das zu trauen, überhaupt nur zuzuhören, wie jemand da steht und einem Sachen erzählt. Obwohl wir im Jahr 2025 leben, ist es wie diese Steinfiguren außen an Häusern, die scheinbar das ganze Dach tragen.

JÄGERIN

Ich war das wirklich, was heißt wirklich, ich war das schon immer, ich war schon immer Hetera. Ich habe schon immer Männer begehrt. Also ganz ehrlich glaube ich, ich habe das einfach nur kopiert erstmal. Von meiner Schwester, die ist sieben Jahre älter. Ich habe auch kopiert, dass es Männer sein müssen mit langen Haaren. Mein Begehren richtete sich auf die Männer, die meine Schwester begehrt hat. Das habe ich lange, das habe ich vielleicht auch nie wirklich hinterfragt.

Also ich bin Jägerin tatsächlich. Ich entscheide, mit wem ich gerne sexuellen Kontakt haben will und nicht andersrum. Inzwischen weiß ich natürlich, ich wollte mich damit immer davor bewahren, emotional verletzt zu werden. Ich nannte das – oder ich weiß nicht, wer das so nannte – ich gehe auf die Jagd. Ich wollte entscheiden, ich wollte aussuchen. Das habe ich sehr sehr lange so gehalten. Bis heute.

Es gibt oberflächliches Verhalten und es gibt verschiedene Sachen, die da drunter liegen. Im Nachhinein versuche ich mich zu verstehen. Ich war 15, 16 Jahre alt bis Mitte 20. Ich erinnere mich nicht, wieviel Lust ich dabei empfunden habe. Also im Sinne einer Lust, wie ich sie jetzt kenne. Das hat damals keine Rolle gespielt. Es hat mir Spaß gemacht. Aber ich weiß eben nicht, was mir mehr Spaß gemacht hat: der sexuelle Kontakt oder dass ich es geschafft habe, diesen Kontakt herzustellen. Manchmal wünsche ich mir im Nachhinein, ich hätte da mehr Zeit und Raum gehabt für das sexuelle Erleben. Das waren nie sehr intime Momente. Es hat halt immer irgendwo stattgefunden. Das war natürlich auch sehr reizvoll. Nach dem Wochenende wurde immer ausgewertet, wer war es, wieviele waren es vielleicht sogar. Es ging nicht darum, wie es war.

Ich wollte schneller sein. Ich wollte dem zuvorkommen, dass jemand entscheidet, ob ich attraktiv bin oder nicht. Verstehst du? Wie beschreibt man das? Du solltest gar nicht erst überlegen können, ob ich für dich attraktiv bin. Sondern ich habe dich direkt konfrontiert. Ich sage dir: ich finde dich attraktiv. Jetzt kannst du dich dazu verhalten. Das war auch ein Schutz. Weil ich vielleicht auch glaubte, vielleicht auch gar nicht so attraktiv zu sein. Und weil ich vielleicht auch gar nicht in dieses Bild passen wollte und auch nicht gepasst habe, was angeblich attraktiv war. Ich könnte dir noch heute die Namen nennen von den Mädchen, die damals als attraktiv galten in meiner Schule. In so ein klassisches Bild habe ich nie reingepasst. Und da wollte ich auch nicht reinpassen.

Also man war halt in einem Club. Oder das waren ja noch so alternative Discos in einem Dorfsaal. Oder irgendwelche Konzerte. Vielleicht denke ich jetzt daran, weil ich gerade in der Gegend war. Es hatte was mit Augenkontakt zu tun. Also über so einen Augenkontakt, über einen Saal hinweg zu klären: Ich bin an dir interessiert. Und wenn du das erwiderst, dann komme ich zu dir rüber. Und dann hab ich einfach gesagt: So. Ich habe Lust, dich zu küssen. Oder ich habe Lust, mit dir raus zu gehen. Das war das Stichwort: Wollen wir mal rausgehen.

Und dabei wollte ich immer klar signalisieren, das war bei mir wichtig, signalisieren: Ich frage dich hier nicht nach einer Beziehung. Im Nachhinein weiß ich, ich habe natürlich auch nach emotionalen Ebenen gesucht. Aber ich habe mich über diese Art der Kontaktaufnahme geschützt. Für mich ging es vor allem darum, eine Bestätigung zu erfahren. Also eine Bestätigung als Frau tatsächlich.

Ich weiß gar nicht, wie das später war. Das hat sich schon ein bisschen verändert. Wobei, so richtig hat sich das nie abgestellt. Aber es gab dann ja auch Leute, die mich begehrt haben.

Ich wollte noch eine wichtige Sache sagen, die mir jetzt aber gerade doch wieder entfallen ist. Ich komme darauf wieder. Ach so, doch, jetzt fällt es mir ein. Ich kann bis heute sagen: Anonymität schafft für mich Begehren. Und deswegen ist für mich auch immer noch dieses Kurzweilige oder der One-Night-Stand oder wie auch immer man das nennen will, das ist für mich immer noch attraktiv. Obwohl ich ja jetzt in einer Beziehung bin. Und ich bin eigentlich auch relativ verlässlich. Relativ, sage ich jetzt mal. Und ich interessiere mich auch in den letzten Jahren nicht mehr so dolle für, also ich interessiere mich für Sexualität, aber eben tatsächlich mit meinem Partner. Nur ganz manchmal interessiere ich mich auch für andere Sachen. Und da ist es das Stichwort Anonymität, was es für mich interessant macht. Platt gesagt, Nummer schieben und dann eben nichts weiter miteinander zu tun haben müssen. Vielleicht, weil das für mich einen Raum kreiert, klingt eventuell komisch, Freiheit oder was auszuleben. Etwas zu tun, was ich vielleicht, wenn man sich zu gut kennt, doch nicht mache. Weil so selbstbewusst wie das dann manchmal klingt oder schon klang in meinen Erzählungen, ist die reale Situation im Bett oder wo auch immer Sex stattfindet, nicht. Das finde ich schon auch ordentlich beschränkt. Da finde ich mich auch beschränkt. Da finde ich eigentlich mich in meinem Begehren relativ beschränkt. Und ich weiß dann immer gar nicht, ob das okay ist, ob mir das so reicht. Ich stelle mir da schon Fragen.

Es gibt auch eine gewisse Konditionierung, wo auch immer die herkommt, nämlich der Klassiker: Dass der Mann kommt und es bei mir nicht so wichtig ist. Also inzwischen ist das nicht mehr so. Manchmal ist es mir halt wirklich egal. Wenn es mir nicht egal ist, dann weiß ich inzwischen auch, wie ich da hinkomme sozusagen oder das auch einfordere.

Aber ich glaube, viele Jahre ging es darum eben nicht. Das habe ich früher auch nicht reflektiert. Mit wem auch? Mit der Bravo??

Ich frage mich, wie müssten wir alle gebildet werden, um zum Beispiel zu verstehen: Mein Orgasmus ist genauso wichtig wie dein Orgasmus und andersrum. Oder kein Orgasmus ist genauso wichtig. Ich wüsste gar nicht oder es würde mich interessieren, was man tun könnte, um Menschen sexuell zu bilden. Das klingt aber gleichzeitig doof. Weil es war schon auch immer gut und wichtig, dass das irgendwie mein Ding bleiben kann und konnte.

Es wäre natürlich gut, wenn alle irgendwie auch einfach neugierig wären oder ein Interesse hätten: Was ist denn, wenn ich da anfasse und da anfasse? Wäre natürlich schön, wenn sozusagen mein Interesse immer auch zurück käme. Wenn die andere Person gleichermaßen Lust hätte, so was rauszufinden. Wo genau die Lust steckt. Weil nicht jeder Schwanz ist gleich. Nicht jede Vulva ist gleich. Also das ist ja interessant.

Genau, und weniger Fahrplan irgendwie. Ich dachte jetzt gerade an so Probenprozesse imTheater. Da probiert halt jemand was aus und dann sagt man, ja, cool, aber warte mal, warte mal kurz, probier doch nochmal so rum. Also im besten Falle ist das kein Problem, weil man versucht ja, was rauszufinden, nämlich das, wie es am besten gehen könnte, von innen und mit Blick von außen.

KIESLASTER

Du fährst hinter ´nem Kieslaster/ Und die Straße wird nass von dem/ Weil der Kies ist nass/ Und du
kommst nicht vorbei/ Das ist der Kieslaster/ Kieslaster sind Laster/ Aus denen die ganze Zeit Wasser
raus fließt/ Und also das hat mich wirklich/ Das das war finster wirklich/ Ich wurde da als Kieslaster
bezeichnet / Als ganz als junge Frau als Mädchen/ In einer Phase/ In der ich bisschen rumprobiert hab´/
Und mit mehr als einem Typen auf einmal was/ Ich weiss nicht ob Du / Das verstehen kannst überhaupt/
Warum Kieslaster/ Kieslaster heisst deine Feuchtigkeit/ Läuft irgendwie öffentlich über/ Die Plätze fließt
über die Straßen/ Parkplatz Bänke/ Du machst die Straße nass/ Unübersehbar/ Die ganze Stadt/ Kann
das sehen/ Alle haben es gesehen

KLAR

Immer auch die mitzudenken
Die überhaupt keinen Bock haben auf Sex
Weil es auch einfach dann vielleicht manchmal auch gar nicht so Spaß gemacht hat für viele
Ja klar es gibt viele für die es nicht so Spaß macht
Klar

NICHT NICHTS

Frauen im Heterosex
Sind die
Die sozusagen
Die die wenigsten Orgasmen
Auch wenn man jetzt sagt
Orgasmus ist nicht alles
Es ist aber auch nicht nichts

Und da ist natürlich schon die Frage
Woran liegt das
Zum einen ist
Die Vagina zwar optimal
Gemacht gebaut für den Penis
Aber andersrum halt nicht so
Klitoris ist eben doch einfach der Bereich
Der die meisten
Also oder am Einfachsten zu stimulieren ist
Und wo die meisten Frauen
Orgasmus und Erregung erleben
Dafür ist der Penis
Halt nicht optimal gemacht

Lesbische Frauen
Da gibt es vielleicht
Nicht von vornherein
Alles klar man
Steckt das eine Ding in das andere Ding
Und dann isses irgendwie toll
Es wird mehr gesprochen in der Regel
Es wird mehr ausprobiert
Es ist halt nicht von Vornherein
Angeblich klar
Was es braucht
Damit man Sex hat
Und dann beide zufrieden sind

Weil das Narrativ
Geht immer noch
Sex heisst
Penis in Vagina
Und dann yeah irgendwie
Isses irgendwie super
Sobald das Ding drin ist
Geht die Frau ab
Wie Schmidts Katze

Also das ist immernoch
So´n Bild
Das ist längst widerlegt
Aber es hält sich
So hartnäckig
Dieses Bild

Auch im Kino
Im Film
Nach wie vor

Der Nachteil einer sozusagen Mainstream Mainstreamsexuellen
Der Nachteil einer Mainstreamsexuellen Orientierung ist vielleicht die Mainstream Mainstream Bildbeströmung

ORAKELSPIEL

Wir ham ein sehr tolles Spiel gehabt
Wir ham so ein Spiel gehabt
Meine Schwester und ich

Wir ham so ein Spiel gehabt
Du sagst welches Regal
Also eins bis neun
Sieben im Wohnzimmer
Und noch zwei oder drei im Arbeitszimmer
Bücherorakelspiel

Welches Regal?
Du machst die Augen zu sagst: drei
Regal drei hat neun Bretter
Welches Brett
Du sagst fünf
Brett fünf hat dreiundvierzig Bücher

Welches Buch sagst Du: dreissig
Zweihundertzwanzig Seiten welche Seite
Du sagst hundertsiebenundsechzig
Schlagen wir auf, lesen die Seite vor
Und das ist dein Orakel

Und in einem Regal
Auf der obersten Dings
Zweite Reihe hinten links
Warn die Bücher dann geheim

Wir sind relativ bald drauf gekommen
Dass in dem einen Regal auf der obersten Dings
Die erotischen Bücher in der zweiten Reihe hinten waren

Bis auf die Tagebücher der Anais Nin
Die sind sogar draußen gestanden
Und es gab dieses Buch dieses lesbische
Wie hieß wie heisst das vielleicht Häutungen
Verena Stefan glaub´ich

In der versteckten zweiten Reihe
Stand auch diese eine Buch
Das war Shere Hite
Auf der obersten Dings
Zweite Reihe hinten links
Gab es den Hite Report

Das war eigentlich dieser Report
Der festgestellt hat
Dass so viele Frauen
Kein´ Orgasmus bekommen
Das war glaub ich die Quintessenz

Vagina perfekte Stimulation für den Penis
Aber eben nicht unbedingt umgekehrt
Also rein penetrativen Sex und Freud infrage gestellt
Glaub nicht, dass wir das damals verstanden haben

Das Buch ist dann verschwunden
Nicht aus der zweiten Reihe
Aus der Öffentlichkeit
Weil Shere Hite wurde vorgeworfen
Sie sei äh unwissenschaftlich
Ihre Forschungsgruppe sei zu klein und überhaupt
Sie hat geantwortet
Freuds Forschungsgruppe
Für die Unterscheidung
Von vaginalem Orgasmus
Und Unreife des klitorialen Orgasmus
Bezieht sich auf drei Personen
Wenn überhaupt

Shere Shere Hite hiess sie
Und sie war wunderschön
Mit einer seltsam monotonen Stimme
Zuerst war sie ständig im Fernsehen
Und wurde da angegriffen
Das Buch wurde runtergemacht
Sie ist dann glaub ich ausgewandert aus Amerika
Ihre Arbeit war wie verschwunden
Gelöscht
Shere Hite: der Hite Report

ORGASM GAP

Ja, interessant. Es gibt ja den Gender-Orgasm-Gap. Das ist vielleicht nicht zu aussagekräftig, weil ich meine, Orgasmus ist auch nicht Orgasmus und man kann auch tollen Sex haben, ohne zu kommen, Orgasmus muss nicht mal unbedingt was Schönes sein. Aber es gibt diesen Gap und der sagt schon was. Und interessanterweise gibt es den bei Lesben nicht. Also es ist kein Gender-Gap, das ist ein Hetero-Gap. Also ein Frauen-die-Männer-begehren-Gap, Frauen- die-mit-Männern-Sex-haben-Gap. Okay. Und das ist vorhanden. Das ist massiv vorhanden.

Das hat vielleicht damit zu tun, dass die weibliche Sexualität oft als ein Echo der männlichen dargestellt wird. Ich würde sagen, dass die weibliche, die heterosexuelle Lust zu wenig eine eigene Stimme hat, um mal mit diesem Echo-Mythos anzukommen. Der hat damit nämlich, finde ich, viel zu tun. Weil Echo begehrt ja Narzis, der nur sein Spiegelbild lieben kann. Und sie kann aber dem Narzis die Liebe nicht gestehen. Sie kann den nicht anbaggern, weil sie kann ja nicht von sich aus, sie kann nur wiederholen, was jemand sagt. Also sie kann ja nicht auf den zugehen. Und dann stirbt sie ja eigentlich am Unerhört-sein. Weil sie eben keine eigene Stimme hat. Und wird dann so zu Haut und Knochen und zu so einer Höhle, die dann so ein Hallraum wird für einsame Stimmen. Krasses Bild und wie in Stein gemeißelt. So was Körperloses irgendwie ewig aber ohne Körper.

SPIEL

gar nicht immer nur

dieses scheinbar ideale

vollständige genießen

im blick zu haben

sondern halt auch zu spielen mit den grenzen und dem

wo es halt nicht funktioniert oder wo man vielleicht nichts spürt

oder mal spüren

dass man nichts spürt

es ist ja immer ein spiel zwischen dem was da sein darf und was nicht

mit tabus und mit scham

also das ist ja teil dessen irgendwie

also man kann das ja nicht

wenn man das alles eliminiert

macht es vielleicht auch keinen spaß mehr

ich weiß es nicht

es ist ja auf jeden Fall auch da

ist ein teil davon

STUDIE

Es gibt ´ne Studie
Das waren glaub´ ich
Ungefähr wirklich
So viele Gründe
Wie das Jahr Tage hat
Also es waren über 350
Verschiedene Gründe
Die Menschen haben für Sex

Und das Wenigste davon hat mit
Mit Lust und Genuss zu tun
Also da geht es ganz viel um
Bestätigung um Macht um
Kompensation
Von anderen Bedürfnissen um
Also unglaublich komplex

Also da geht es fast gar nicht um
Was geniess ich eigentlich
Was ist schön dadran
Was fühlt sich gut an

SHAME

To overcome shame, it doesn’t help to say, “I’m not ashamed anymore.” The moment you negotiate this mentally, you are simply trying to deal with shame on the same level. Cause shame is a cognitive concept, a script, a story that has entered your system – either culturally or biographically, affecting your goals and gradually poisoning everything. If you fight here, you will always lose. The only way you can become mistress of shame is through your body. Your wonderful, lustful, pleasure-oriented, ecstasy-capable body is the only truly effective antidote to shame.

UNTEN KEIN STRICH

Wie eine Klitoris aussieht, wissen wir alle noch nicht so lange. Also jetzt mal rein anatomisch ein bisschen zu ahnen, wie das funktioniert. Was da eigentlich passiert beim weiblichen Orgasmus auch eben rein körperlich, ein inneres Bild davon zu haben, sich das überhaupt erklären zu können. Ich finde, das hilft ja schon. Würde mir jetzt unangenehm sein, meiner Tochter das zu erklären. Wenn sie nicht danach fragt. Ich hoffe einfach, sie wird mit weniger Fragezeichen erwachsen als ich. Weil zum Beispiel Schulbuchdarstellungen sich ändern. Das weibliche Genital war ja völlig falsch dargestellt. Die Vulva fehlte komplett, als wäre die nicht vorhanden. Ich hoffe, kein Mädchen muss mehr denken, weil das nicht einfach ein Strich ist da unten, ist irgendwas falsch. Das war ja tatsächlich eine große Sorge von mir. Dass ich dachte, oh mein Gott, scheiße, das sieht ganz anders aus, Mist. Hoffentlich schaut dann da keiner so ganz genau hin. Ist da nicht auch irgendwas schief… Eine Sprache haben. Das ist auch etwas, was damals fehlte. Das ändert sich auch.

UNTER MEINER HAUT

Hetera sein

Heißt vielleicht

Dass ich ein eigenständiger Mensch bin

Dass ich nicht automatisch

Das zu übernehmen habe

Was so an mich ran getragen wird

Durch Werbung oder Porno

Was als Norm

Hingestellt wird

Die eben absolut

Männlich dominiert ist

Durch eigentlich alles

Was uns rund um umgibt

Normen kann ich bewusst brechen

Aber das ist dann eine Reaktion da drauf

Das ist noch nicht das Neue Eigene

Das kann ein guter Schritt sein

Aber noch keine endgültige Antwort

Das ist wie mit den Namen

Ich hab ja als ich geheiratet habe

Meinen Namen behalten

Weil ich nicht den Namen meines Mannes

Meine weibliche Linie soll sollte erhalten

Aber meine Mutter

Hat den Namen meines Vaters

Meine Großmutter genau so

Also also es ist sowieso sowieso nicht der weibliche Name

Bis das erodiert ist oder ausreichend verwässert

Oder vom Winde verweht

Natürlich bietet das Patriarchat

Ganz viele Erzählungen

Und Normen und Bilder

Und die sind einfach da

Ob mir das gefällt oder nicht

Die sind in mir drinnen

Unter meiner Haut

Ob mir das gefällt oder nicht

Die sind trotzdem da

Und ich kann ähm

Kann zum einen kann ich

Super emanzipiert sein

Und feministisch

Und ähm zum andern

Kann ich feststellen

Dass wenn es um Erregung geht

Genau die Sachen funktionieren

Die das Gegenteil davon sind

Es gibt nichts

Was mehr Erregung aufbaut

Als ähm also gerade Konflikte

Innere Konflikte

Äußere Konflikte

Das ist das sozusagen

Was uns nach oben bringt

Natürlich hat man die Wahl

Was man macht damit

Aber es ist immer da

VEILCHEN

Den eigenen Körper zu bewohnen nicht zu überlegen was muss ich tun um geliebt zu werden gewollt zu werden begehrenswert zu sein diesen Partner zu halten die Beziehung zu stabilisieren was muss ich tun

Sondern wirklich sich fragen was was will ich und wenn ich´s nicht weiß dann diesen Schritt zu tun sich drum zu kümmern Verantwortung zu übernehmen für die eigene Lust

Da gibt’s auch großen Widerstand oft das Gefühl das müsste doch irgendwie der Mann machen und von Außen kommen da muss der Mann sich auskennen und der muss das irgendwie liefern und bringen das ist dieses Klischee von Weiblichkeit empfangend oder eben wie ein Echo

Ich bin aber ein erwachsener selbstständiger freier Mensch kein Gefäß bitteschön und es geht für mich als Hetera gerade darum diesen aktiven Teil auch zu entwickeln mir zu erlauben auf Sachen zuzugehen

Natürlich kann man irgendwie jammern und sagen die Männer können alle nicht und wissen nicht und sind irgendwie Honks und ich bin die Prinzessin und warte bis der richtige Ritter vorbeikommt aber das ist irgendwie auch ´ne alte Geschichte die Wahrscheinlichkeit dass der Ritter nicht kommt in meinem Leben die ist ziemlich groß und wenn er kommt was ist denn dann gewonnen dann brauche ich irgendwie diesen Prinz weil nur der kann und weiß und wenn der dann weg ist dann ist es ja auch an der Stelle zu Ende erzählt

Ist es nicht eigentlich viel cooler zugegebenermaßen auch nicht der einfachste Weg aber auf jeden Fall der langfristig beste das selber in die eigene Hand und sich zu beschäftigen und sich zu fragen und diesen steinigen Weg zu gehen Verantwortung zu übernehmen für die eigene Lust

Genau das gilt dann irgendwie als nicht sexy oder als unweiblich Sprechen gilt als unweiblich

Und natürlich auch das Risiko dass ich irgendwas frage oder sage und dann bekomm´ ich´s nicht oder ich werde abgelehnt weil ich irgendwie zu bossy bin zu fordernd zu direkt ich bin ´ne Schlampe also klar das Risiko ist auf jeden Fall da das kleine Veilchen am Wegesrand das darauf wartet gepflückt zu werden da hab ich natürlich kein Risiko was falsch zu machen aber das Risiko dass ich ewig da am Wegesrand vor mich hin blühe und einfach es nie so richtig toll wird das Risiko ist halt auch groß.

VIELE FRAUEN INVESTIEREN

Viele Frauen investieren
Unglaublich in Äußeres
In Klamotten in Make Up
In Schönheits-OP in
Filler
Also es gibt eine riesen Branche
Oder viele riesen Branchen
Die leben davon

Und Magazine
Und da wird unglaublich viel
Investiert in diesem Bereich
Aber die Genussfähigkeit
Die hat damit gar nichts zu tun tatsächlich

Das ist auch so eine Idee
Ich muss nur richtig aussehen
Alles richtig machen
Genau richtig irgendwie in das Schema
Und dann läuft das von Alleine

Ich finde ja
Interessant immer
Wirklich die Frage
Wie fühlt es sich an

Und isses wirklich
Isses schön
Genießt du es

Natürlich ist ´ne Frau
Die sich in ihrem Körper wohl fühlt
Weil sie die richtigen Maße hat
Und das Gefühl hat
Es ist irgendwie so
Wies irgendwie gehört
Ist an der Stelle vielleicht selbstbewusster
Oder entspannter
Aber oft ist es nicht mal das
Oft sind das Frauen
Die immer noch das Gefühl haben
Hier ist noch was
Und da müsste man auch noch
Und da ist noch ´n Kilo zu viel
Und die so den Blick nur darauf haben

Genuss Pleasure
Ist halt nichts was ähm
Einem von Außen gegeben werden kann
Das ist was
Was ich nur selbst erleben kann
Natürlich können andere dafür was tun
Und können die die Möglichkeiten verbessern
Den Boden ebnen
Oder können dazu beitragen
Aber wenn ich selber nicht die Fähigkeit habe
Das zu erleben
Dann wird es nicht passieren

VIELES

Also zum Beispiel nicht zu wissen, wie die Klitoris aussieht, was ich auch ganz, Frauen meines Alters eben, ganz lange Zeit nicht wussten und sie immer sozusagen von dieser Erbse ausgegangen sind und die vielen unterschiedlichen Bilder davon, was Orgasmen sind oder was überhaupt die Organe weiblicher Lust und dann diese Unterscheidung von vaginalem und klitoralem Orgasmus und die Wertungen, die damit verbunden sind seit Freud spätestens, viele haben quasi ein schlechtes Gewissen, das ist wirklich verbreitet ganz viel immernoch, wenn sie nicht von reiner Penetration durch reine Penetration nicht, wenn sie es nicht toll finden und haben das Gefühl sie sind irgendwie unreif oder oder dass uns ganz oft so ein Stück Agency einfach fehlt also dass die Räume gar nicht dafür gemacht sind, dass wir sozusagen lernen, unsere Agency unsere sexual Agency so zu nehmen und auf unsere Gefühle zu hören und auch zu wissen, was die sind und dann danach zu handeln, das ist gar nicht so ein also, genau, man denkt immer, dass man es tut, aber oft tut man es eben doch gar nicht und man merkt es dann.

WIE ES SICH ANFÜHLT

Es geht ja schon bei Kindern immer darum, was sie schaffen, was sie leisten. In der Erziehung oder in der Bildung oder in der Schule oder so. Und ganz wenig eigentlich darum zu fragen, wie fühlt sich das eigentlich an? Also jetzt rede ich gar noch gar nicht von Sex, nur von der Frage: wie fühlt sich das eigentlich an? Das scheint egal zu sein, wie sich jemand bei irgendwas fühlt. Jedenfalls spielt es eine viel zu geringe Rolle. Hauptsache, Du schaffst das und das und kriegst das und das hin. Hast gute Noten und so. Aber wie fühlt sich etwas an? Das ist, finde ich, total ausgeblendet.

In meiner Sexualität kam die Frage auch total spät. Fühlt sich mein Orgasmus, fühlt sich das eigentlich gut an? Das hat noch nichts mit dem Partner zu tun. Das hat mit mir selber zu tun, mit meiner Erziehung. Vielleicht sollte es auch darum gehen, die eigene Empfindungsfähigkeit zu schulen. Dass wir alle lernen, nicht komplett unterzugehen im Funktionieren. Nicht zuletzt hat das auch mit Empathie zu tun. Ich bin jemand, die in der Arbeit auch sehr aufgeht. Ich liebe meine Arbeit. Aber ist das gut, dass immer an die erste Stelle zu setzen und gar nicht zu fragen: Wie fühlt sich das jetzt eigentlich an? Also bevor man überhaupt über Sex und Begehren redet, wollte ich sagen, ich beobachte an mir selbst eine mangelnde Empfindsamkeit. Vielleicht überhaupt mangelnden Fokus auf Lust. Da spielt die Mutterschaft mit rein. Da gibt es ja Phasen, wo das ja auch total Sinn macht, dass du sozusagen das Wohl des Kindes über alles stellst. Wenn du ein Baby hast, dann geht es eben erstmal nicht darum, ob du jetzt gerade genug Schlaf kriegst. Also es gibt ein, zwei Jahre, wo sich das natürlich komplett umdreht, was jetzt wichtig ist. Deine eigenen Bedürfnisse jedenfalls nicht. Ich habe lange gebraucht, da wieder raus zu finden. Und vielleicht bin ich da immer noch tief drinnen. Ich glaube, das ist schon was, wohin Mädchen auch erzogen werden. Dafür sorgen, dass es allen anderen gut geht, dass das Gegenüber sich in der Gesprächssituation mit mir gut fühlt. Und ganz wenig darum, dafür Sorge zu tragen, dass es einem selber auch gut geht damit. Und seit ich mich jetzt damit beschäftige, beobachte ich das mehr an Frauen und Mädchen.

WOLKENSCHÜTTELMANN

Um mich fliegt die Wiese

Ich liege

Sieh mich an

Ich bin der

Wolkenschüttelmann

Um mich fliegt die Wiese

Der Wind ist warm

Gräserhalme pieken

Wolkenschüttelmann

Das hab´ ich geträumt

seit ich denken kann.

Wirklich Traum, keine Phantasie

Ich glaub das war ein Fiebertraum

den hat ich schon als Kind

Um mich fliegt die Wiese

Das fühlte sich so so gut an, das war auch gar kein Sex,

das war einfach der Wolkenschüttelmann.

Den Traum hab´ ich noch jetzt

Wer weiß, vielleicht habe ich das wirklich erlebt, im Bauch meiner Mutter, als Embryo, wenn meine Mutter so richtig schwanger richtig guten Sex hatte.